Van der Valk - 4. Etappe

ImageNach drei rastlosen Tagen hat sich der Rundfahrtspezialist einer kleinen, noch namenlosen Presseagentur in ein gemütliches Kaffee am Marktplatz in Krakow zurückgezogen. Er trinkt genüsslich seine Latte und beobachtet den Aufbau der Zeitmesseinrichtungen und der Startgitter.

Der ihm schräg gegenüber sitzende, versonnen lächelnde ältere Herr bestellt sich eine weitere Flasche einer klaren Flüssigkeit. Der Kellner bringt ihm das Gewünschte und räumt das Dutzend leerer Flaschen weg.

Unser Reporter ordert einen weiteren Windbeutel (mit extra Sahne) und beugt sich über seine Aufzeichnungen der letzten Tage

„..Einheitsbrei .... West .... Ost .... Jedermänner ... Lizenzen.... Sieg .... Finanzen ..."

Das Gemurmel des Unbekannten wird lauter und erzwingt die Aufmerksamkeit des Chronisten. Die Bäckerei ist ansonsten wie ausgestorben und so nähert er sich verstohlen dem Gemurmel.

 

„Haben Sie etwas mit Radsport zu tun?"

 

Zwei stahlblaue Augen packen den unbedarften Frager und zwingen ihn in die Knie: „Mit dem Radsport zu tun...?! ICH bin der Radsport, mein Jung. Ich habe es noch erlebt, wie 70 000 Menschen eine Etappenankunft der Friedensfahrt bejubelten. Ich habe es noch erlebt, wie der Sieg eines Fahrers Begeisterung und Freude auslösen konnte. Und ich erlebe jetzt, wie wenig Interesse der Radsport heute noch wecken kann."

 

Schnell ist der Stift gezückt und die Augen hängen an den Lippen des Erzählers.


„Das Mannschaftszeitfahren hier und heute zum Beispiel. Früher wäre die Strecke gesäumt gewesen, von Zuschauern. Heute stehen gerade mal die Streckenposten am Straßenrand." Ergänzt der ältere Herr, während seine Hand väterlich auf der Schulter seines Zuhörers ruht.

 

„Die heutige Strecke ist zudem ausgesprochen interessant. Zu Beginn lauern einige, kleine aber dennoch prägnante Steigungen auf die Fahrer. Im Mittelteil der Strecke wird der Wind die dominierende Größe und gegen Ende bietet sich die Möglichkeit im Schutze des Waldes noch mal Tempo zu machen. Vorausgesetzt man kommt mit dem Flickenteppich der letzten 15 Kilometer zurecht.

Entscheidend wird das gute Zusammenspiel der 5 Fahrer sein. Es wird sich erweisen, ob die fünf genügend zusammen trainiert haben."

 

Der aufgeweckte Reporter nutzt die Chance seines Lebens und befragt den offensichtlichen Fachmann:

 

Frage: Inwieweit ist es wichtig vor so einem Mannschaftszeitfahren gemeinsam trainiert zu haben?

Antwort: Fünf Fahrer sind fünf Persönlichkeiten. Solange die aktuelle Entwicklung der Genforschung noch nicht in der Praxis angewendet werden darf, muß man mit den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen der Fahrer leben. Aus Sprintern, Bergflöhen und Rolleuren muß plötzlich eine Mannschaft wie aus einem Guß werden. Es ist zudem wichtig an den Anstiegen, auf dem Pflaster die richtige Reihenfolge zu haben und gemeinsam aus den Kurven herauszukommen. Man muß deshalb auch die Strecke genau kennen.

 

Die Redaktion sah sich aus verschiedenen internen Gründen gezwungen, das ursprüngliche Interview zu kürzen. Das ist eine übliche Verfahrensweise und hat nichts mit Zensur zu tun.

 

Aus den Augenwinkeln sieht unser Reporter die tiefschwarz gekleideten Sportler des RV Zwenkau an den Start gehen. Es muß jetzt 10.00 Uhr sein. Die letzte Mannschaft der Mannschaftswertung eröffnet das Zeitfahren. Zeitgleich beginnen die Picardellics sich auf der Rennstrecke warm zu fahren. Wie würde die letzte Etappe verlaufen? Gespannt blickte der Reporter aus dem Fenster und beobachtete die Startvorbereitungen der Mannschaften. Plötzlich fliegt die Tür der Bäckerei auf. Michi, Betreuer, Mechaniker und  Motivator der Picardellics ordert zwei Sahnetorten „... für unterwegs". Durch eine geschickte Gesprächsführung und gezielte Lobhudelei gelingt es dem aufsteigenden Radsportjournalisten einen Platz im Begleitfahrzeug des Rundfahrtteams der Picardellics zu ergattern.

 

Pünktlich 11.35 Uhr machten die Picardellics sich auf den Weg. Michi versucht dranzubleiben und der Reporter wird ein willenloser Spielball der Schwerkraft. Endlich gelingt es ihm, sich aus den tiefen Polstern des Sitzes zu befreien und einen Blick durch die Frontscheibe zu erhaschen. Schnell wechseln die Picardellics durch den Wind.

 

„Ist die Strecke nicht zu lang zum Kreiseln?" fragt er erstaunt den Betreuer.

 „Ich hoffe sie nehmen nur Fahrt auf und werden dann gleichmässiger. Besprochen war es gestern noch anders. Für eine gemeinsame Ausfahrt blieb dieses Jahr keine Zeit - Job, Frauen, Kinder - so dass die Vorbereitung auf das Mannschaftszeitfahren aus einer längeren Diskussion mit Hilfe von zwei Flaschen Rotwein bestand.", antwortet Michi bereitwillig.

 

Und wirklich, die Wechselabstände werden länger und das Tempo gleichmässiger. Ein Blick auf den Tacho verrät, dass sich die fünf tapferen Fahrer mit einer Geschwindigkeit von über 50 kmh der ersten ernstzunehmenden Steigung nähern. Dort fächert sich die Linie auf und geht in die Breite. Das Tempo sinkt. Auf dem folgenden Pflasterstück klafft eine Lücke vor Picco. Dirk bemerkt Piccos Fehlen rechtzeitig und bleibt ebenfalls ein Stück zurück. Gemeinsam schließen die beiden Fahrer wieder zu den Anderen auf.

 

Michi bemerkt die zunehmende Unruhe in der kleinen Gruppe und versucht seine Fahrer mit dem Angebot der Sahnetorte zu motivieren. Vergebens. Während Matze kraftvoll und athletisch im Wind drückt, haben die anderen Teammitglieder Mühe in seinem Windschatten zu bleiben. Das Anfangstempo war scheinbar doch etwas zu laktatbildend und so wirken viele ihrer Tritte schwer und unrund.

 

Dirk erliegt als erster der verlockenden Sahnetorte und lässt sich zum Begleitfahrzeug zurückfallen. Satt und zufrieden kommt er wenige Minuten später ins Ziel.

15 Kilometer später.

Das Pflaster der Marktzufahrt wirft Picco wieder aus der Bahn, so dass er auf den letzten Metern noch zwei Sekunden auf die Mannschaftsspitze einbüsst.

 

Als dann das Ergebnis (Platz 10 um eine Sekunde verpasst) verkündet wird, schleicht sich der Reporter leise aus der einsetzenden Diskussion um die Verteilung der verbliebenen Sahnetorte. Bei sechs gleich großen Stücken wird nun kreativ überlegt inwieweit auf Job, Frauen und Kinder zugunsten von mehr gemeinsamer Trainingszeit verzichtet werden kann. Verschiedene Leasing-, Sharing- und Teilzeitmodelle werden durchgerechnet. Daraufhin wird Piccos Herbsturlaub nur unter der Maßgabe genehmigt, dass sein Umzug für ein gemeinsames Armkrafttraining genutzt werden kann. Damit ist eine wesentliche Grundlage gelegt, den stabilen Platz im Mittelfeld der van-der-Valk-Rundfahrt im nächsten Jahr verbessern zu können.

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